Sonntag, 25. September 2016

Was Gefühle wollen...

Hallo Ihr Lieben,

zum heuten Sonntag ein paar weise Worte von unserem Lieblings-Piraten:




Wie recht er damit hat! Wir können unser Herz nicht vor den Dingen verschließen, die wir nicht fühlen wollen. Aber genau das hab ich versucht - und bin damit auf direktem Weg in die Panikstörung geschlittert. Ich wollte mein Herz vor all den negativen, unangenehmen, angsteinflößenden, überwältigenden, aus der Bahn werfenden Gefühlen verschließen. Es waren einfach zuviele, ich hatte riesige Angst davor, ich hatte keine Kraft mehr, ich konnte keine weiteren Verletzungen und Schmerzen mehr ertragen. Was schien mir in meiner Verzweiflung also die logischste Lösung? - Gefühle verbannen!
  • Ich habe mir verboten zu weinen. Dass damit auch das Lachen immer weniger wurde, hab ich nicht bemerkt. 
  • Ich habe mir verboten zu lieben. Dass ich mich damit auch für Freude und Glück verschlossen habe, habe ich in Kauf genommen. 
  • Ich habe keine Nachrichten mehr gehört oder gesehen, ich konnte das Gewicht des ganzen Schlechten in der Welt nicht mehr ertragen. Dass ich damit auch das ganze Gute in der Welt ausgeblendet habe, war mir egal. 
Ich habe einfach alles verdrängt. Ich war ein Gefühls-Zombie, ein Geist, habe nicht mehr gelebt, sondern nur noch existiert und funktioniert, wähnte mich aber in Sicherheit: ich hatte ja meine Gefühle und in meinen Augen damit auch mein Leben unter Kontrolle. Solange, sich bis meine Gefühle die Kontrolle zurückgeholt haben, mit aller Macht: Panikattacken, Angstanfälle, der totale Zusammenbruch. 

Erst jetzt, soviel später, erkenne ich den Zusammenhang, sehe ich wofür das alles gut war: Meine Panik hat mich gezwungen wieder zu fühlen, auch wenn es erstmal nicht das war, was ich verdrängt hatte. Angst und Panik sind zwei mächtige, urinstinktiv verankerte Reaktionsmuster, die kann man sich nicht so einfach verbieten. Die laufen automatisch ab, zwingen dich zum Handeln (Kampf oder Flucht), schmettern dich nieder und halten dich fest im Griff bis du da durch bist (Du fühlst das jetzt! Ob du willst oder nicht!!). Bis du verstanden hast, was sie dir eigentlich sagen wollen. 

Wer bist du denn ohne Gefühle?  - Eine leere Hülle. 

Gefühle sind doch das, was uns Menschen ausmacht, was uns steuert und uns antreibt; zu unseren Gefühlen zu stehen, macht uns authentisch und echt, bildet unsere Persönlichkeit aus. Auch wenn ich das inzwischen verstanden habe, fällt es mir nach wie vor manchmal schwer, mein altes Muster (Verdrängung) hinter mir zu lassen, meine Gefühle wahrzunehmen, sie anzuerkennen und dazu zu stehen. Denn nichts weiter wollen Gefühle: sie wollen gefühlt werden. Dann geben sie auch Ruhe. Wenn man sie wahrnimmt, anerkennt, ihnen den nötigen Raum gibt und sie dann weiterziehen lässt. Wie Besucher.



The Guest House
This being human is a guest house.
Every morning a new arrival.
A joy, a depression, a meanness,
some momentary awareness comes
as an unexpected visitor.

Welcome and entertain them all!
Even if they are a crowd of sorrows,
who violently sweep your house
empty of its furniture,
still, treat each guest honorably.
He may be clearing you out
for some new delight.

The dark thought, the shame, the malice.
meet them at the door laughing and invite them in.

Be grateful for whatever comes.
because each has been sent
as a guide from beyond.

 - Jellaludin Rumi -

Über dieses Gedicht von Rumi bin ich einem Coldplay-Song gestolpert, und es hat mir im wahrsten Sinne des Wortes die Augen geöffnet. Achtsamkeit. Das Zauberwort über das ich hier schonmal ausführlicher geschrieben habe. Ich versuche jetzt, auch in Bezug auf meine Gefühle achtsamer zu sein. Sie wahrzunehmen, zu akzeptieren. Ich erlaube mir wieder traurig zu sein. Zu weinen wenn mir danach ist. Weil mit den Tränen oft auch ganz viel Anspannung weggespült wird. Ich erlaube mir wieder zu lachen, ich hatte es ja fast verlernt...
Neulich hatte ich ein paar Tage Besuch von meiner großartigen (kleinen) Schwester, wir waren auf einem tollen Konzert und hatten soviel Spaß zusammen! Ich habe in den drei Tagen mehr gelacht als im ganzen letzten Jahr (kein Witz!), und ich habe mich seit langem mal wieder richtig lebendig gefühlt. Sie hatte es auch echt nicht leicht in ihrem Leben, aber sie hat eine wichtige Sache nicht verloren: ihren Humor. Sie hat mir vor Augen geführt, wieviel leichter das Leben ist wenn man einfach darüber lacht, wie viele witzige Sachen jeden Tag passieren und wie schön es ist zusammen über die verrücktesten Dinge lachen zu können. Wie hatte ich das nur vergessen können?!? (Schwesterherz, wenn Du das liest: Danke dafür! Ich hab Dich so lieb!)
Ich versuche jetzt auch viel mehr auf die schönen Dinge an jedem Tag zu achten: meine Tochter und ich haben ein kleines Ritual daraus gemacht und erzählen uns jeden Abend beim Essen, was an diesem Tag Schönes und Positives passiert ist. Und es wirkt schon! Wenn ich es mal vergesse, erinnert sie mich daran ;-), und ich habe den Eindruck, es tut uns beiden ziemlich gut, weil auf einmal die blöden Dinge, die ja nun mal passieren und über die wir uns früher tierisch aufgeregt haben, gar nicht mehr so wichtig sind und die Macht verloren haben, uns runterzuziehen. Und mit zunehmender Übung fallen mir täglich immer mehr Kleinigkeiten auf, die schön und es wert sind, bemerkt zu werden:
  • die warmen Strahlen der Herbssonne, die beim Waldspaziergang durch die Blätter schimmern
  • ein spontanes Kaffeetreffen mit der besten Freundin in der Sonne
  • ein freier Parkplatz in der City, wenn man dringend einen braucht
  • das Lachen meiner Tochter, wenn sie sich lustige Videos anschaut
  • der Duft von frisch gebackenem Brot
  • das Lieblingslied läuft genau dann, wenn man das Radio anschaltet
  • der nette Plausch mit der Nachbarin im Treppenhaus
Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Vielleicht sollte ich wirklich dazu übergehen diese Dinge jeden Tag aufzuschreiben, wie es meine Therapeutin empfohlen hat. Einfach um sie 'festzuhalten', um später nochmal darauf zurückgreifen zu können falls es mal wieder nötig sein sollte... 

Wie ist das so mit Euch und den Gefühlen? Habt Ihr auch irgendwelche Rituale?  Führt Ihr eine Art Dankbarkeits- oder Positiv-Tagebuch? Erzählt mir von Euren Erfahrungen!

Ritterliche Grüße, Carina


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