Sonntag, 16. Oktober 2016

Was bedeutet 'Stärke' für Dich?

Hallo Ihr Lieben,

vor ein paar Tagen bin ich beim allabendlichen Facebook-Durchscrollen an einem Quote-Post hängengeblieben, in dem es um die Definition von Stärke im Allgemeinen und starken Frauen im Besonderen ging. Und zwar hieß es da, dass starke Frauen viel zerbrechlicher seien, als man es sich vorstellen könne, es aber nie zugeben würden wenn sie Zuwendung bräuchten, weil sie eben gewohnt wären, alles allein zu regeln und zu ertragen und den Schmerz in sich hineinfressen würden, während sie nach außen lächeln als wenn nichts wäre.

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit hätte ich beim Lesen dieser Zeilen traurig genickt, leise geseufzt und ein wehmütiges 'Like' dagelassen. Doch etwas scheint passiert zu sein mit mir in den letzten Wochen und Monaten. Denn irgendwas an dieser Aussage hat mich stutzen lassen, ist mir irgendwie gegen den Strich gegangen. Etwas in mir hat sich gesträubt, dieser Aussage so bedingungslos zuzustimmen. Und nach kurzem Nachdenken wusste ich auch, warum: Diese Zeilen klangen für mich nicht nach Stärke, sondern nach Verzweiflung und Resignation. Und haben mich auf direktem Weg zu der Frage geführt:

Was bedeutet Stärke für mich?

Normalerweise bin ich auf FB eher die stille Mitleserin, die höchstens mal ein Daumen-hoch dalässt oder ihre Schwester mit (vermeintlich) lustigen Tiervideos nervt ;-)
Aber in diesem Fall musste ich einfach was dazu kommentieren (und 10 'Gefällt-mir' innerhalb kürzester Zeit auf meinen Kommentar haben mich dazu veranlasst, diesem Thema einen ganzen Blogpost zu widmen). 
Ich hatte das dringende Bedürfnis, diese Sätze zu korrigieren, die Aussage dahinter richtig zu stellen, weil sie in meinem Augen ein völlig falsches Bild von Stärke im Allgemeinen und starken Frauen im Besonderen vermitteln. Wir sollten keine still vor uns hin leidenden Multitaskerinnen sein, die in schöner Regelmäßigkeit vor lauter Überforderung zusammenklappen – aber Hauptsache, die Fassade bleibt gewahrt und es kriegt bloß niemand mit, wie beschissen es uns wirklich geht. Ist das etwa Stärke? Nein. In meinen Augen ist das selbstzerstörerischer Masochismus.

Ich weiß das so genau weil ich bis vor kurzem selbst so gedacht und gehandelt habe. Ich dachte, ich müsste immer alles unter Kontrolle haben (vor allem mich selbst und meine Gefühle!), darf die Kontrolle um Gottes Willen niemals verlieren (wehe es kriegt jemand mit dass es mir nicht gut geht!), geschweige denn abgeben - das hieß, rund um die Uhr meinen (selbst gesteckten) hohen Ansprüchen genügen zu müssen, und um das zu erreichen, eben lieber alles selbst zu machen als zu riskieren, etwas abzugeben und dadurch keine Kontrolle mehr darüber zu haben. 
 
Das hieß auch, niemanden merken zu lassen, wie es in mir aussieht, oder dass ich gerade innerlich zerbreche (z.B. während einer Panikattacke...), und nach Möglichkeit jederzeit die Fassade und das (gefakte) Lächeln aufrecht zu erhalten. Und ja, ich habe den Schmerz und die Wut und die Traurigkeit und alle Gefühle, die sich in mir breitmachen wollten, in mich rein gefressen und runter geschluckt (darüber habe ich euch hier schon mal was erzählt). Bis es irgendwann nicht mehr ging...

Inzwischen ist einiges passiert. Inzwischen denke ich anders über Stärke. Stärke heißt für mich nämlich:

  • Nicht, so zu tun, als ob alles ok wäre, wenn es das nicht ist. Sondern zu seinen wahren Gefühlen zu stehen. Niemand kann die ganze Zeit nur funktionieren, wir sind alle nur Menschen.




  • Nicht sich selbst und seine Bedürfnisse zu verleugnen und sich für andere aufzuopfern. Was hat man noch zu geben wenn man dabei ausbrennt? Nein-Sagen lernen! Seine eigenen Grenzen und Bedürfnisse zu kennen und zu diesen zu stehen ist für mich wahre Stärke.





  • Sich nicht zu verbiegen nur um anderen zu gefallen. Früher habe ich mich immer gefragt, was andere wohl von mir denken und wie ich sein müsste, damit sie mich mögen. Inzwischen frage ich mich eher, ob ich sie mag...




     
  • Eben nicht alles in sich rein zu fressen und alles mit sich selbst auszumachen. Stärke heißt nicht, niemals weinen oder zusammenbrechen zu dürfen. Sondern seine Gefühle rauszulassen. Heul doch! Es wird dir danach bessergehen, glaub mir.. Rede mit jemandem. Sich Hilfe zu suchen wenn man allein nicht weiterkommt erfordert Mut und Stärke. Und vor allem, Hilfe auch anzunehmen, am besten natürlich bevor man zerbricht.





  • Es ist keine Schande, hinzufallen. Sondern liegenzubleiben. Im Selbstmitleid zu versinken und sich aufzugeben. Stärke heißt, sich immer wieder aufzurappeln, sich hoch zu kämpfen aus dem Dreck, weiterzumachen, auch wenn es übermenschliche Kräfte kostet. Du hast diese Kraft bereits in Dir, Du weißt es vielleicht nur nicht. Manchmal erkennt man nämlich erst wie stark man eigentlich ist wenn man keine andere Wahl hat als zu kämpen. Hätte ich es in meinem Leben immer leicht gehabt und wäre mir alles in den Schoß gefallen, wäre ich heut sicher nicht der Mensch der ich bin.




Wie gesagt, bis vor kurzem habe ich noch ganz anders über Stärke gedacht. Wieder eine positive Veränderung, wie ich sie in letzter Zeit immer öfter an mir bemerke. Es tut sich also langsam etwas, die Entwicklung schreitet voran. Es kostet Kraft, jeden Tag aufs Neue. Aber ich freue mich jedes mal wenn ich wieder eine Veränderung an mir bemerke, und sei sie noch so klein. Dass ich sie überhaupt bemerke ist ja schon ein Fortschritt... :-)




Wie seht Ihr das mit der Stärke? Stimmt Ihr mir in allen Punkten zu? Oder habt Ihr eine andere Definition oder noch andere Kriterien? Schreibt mir gern in den Kommentaren!

Ritterliche Grüße, Carina

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen