Samstag, 1. Juli 2017

Die Weisheit der Wildschweine

Es regnet. Ergiebig. Dicke Tropfen platschen auf das dichte Blätterdach, meine Schritte matschen über den aufgeweichten Waldboden. Die Natur saugt sich voll, mit Wasser, mit Leben. Um mich herum satte, grüne Fülle, übersprießendes Wachstum, rauschendes Leben. Außer mir kaum jemand unterwegs, ich habe den Wald für mich allein. Teile ihn mir nur mit den Amseln, die sich über die fetten Regenwürmer und Schnecken am Boden hermachen. Mit den Rotkehlchen, die sich laut zwitschernd über den Regen freuen. Und mit den Hirschen und Wildschweinen im Wildgehege. Ich besuche sie auf meinem Spaziergang. Die Hirsche haben sich irgendwo verkrochen, wollen heute offenbar keinen Besuch. Auch die Wildschweine verbringen diesen Regentag anscheinend lieber unter sich. Nur zwei einsame Schweine wühlen stillvergnügt im Schlamm. Ich bleibe stehen und sehe ihnen eine Weile zu. Ein junger Keiler und ein etwas größeres, weibliches Schwein, seine Mutter vielleicht? Der Kleine kommt zum Zaun, wahrscheinlich erwartet er Futter von mir, wie von allen Besuchern, die dort neben dem Futterautomaten stehen bleiben. Aber ich habe leider keins für ihn, und so widmet er sich wieder dem Bodenumgraben. Trollt sich auf einen Grunzer seiner Mutter hin etwas weiter weg. Die steht nun ihrerseits am Zaun und wartet. Und schaut mich an. Und zum ersten Mal fällt mir auf, das Wildschweine braune Augen haben. Und Mama Wildschwein hat sogar sehr schöne braune Augen, mit langen, dichten Wimpern. Sie schaut zu mir hoch, aus ihren braunen, langbewimperten Wildschweinaugen, und einen magischen Moment lang scheint es, als wolle sie mir etwas sagen. Wie einfach das Leben doch ist vielleicht. Fressen, Schlafen. Sich im Matsch suhlen. Am Baumstamm schubbern. Den Boden durchwühlen auf der Suche nach Köstlichkeiten. 'Warum macht ihr Menschen es euch denn so schwer?' scheinen ihre Augen zu fragen. 'Das Leben ist schön. Und so einfach.' Wie recht sie hat. Ohne zu zwinkern blickt sie mich mit ihren schönen Augen an. Und direkt in mein Herz. 'Da stehst du, da draußen vor dem Zaun, und ich hier drin. Oder ist es vielleicht andersrum? Was heißt Freiheit? Wir sind nur so frei, wie wir glauben zu sein...' Mit diesen Worten wendet sie sich von mir ab und widmet sich wieder ihrer Aufgabe, den matschigen Waldboden nach Schnecken oder Würmern oder vergessenen Kastanien zu durchwühlen. Und ich gehe weiter. Das Leben kann so einfach sein.

by ©LebensRitter



Foto: Egon Häbich / pixelio.de

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